Matthias Jung


 

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Zeitsprung - Gemeinde 2030

 

 

"Toni, du bist ein Fußballgott!"

Predigt zu Beginn der Fußball-WM 2006 in Deutschland über Heldenverehrung damals und heute

 

"Und als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei; kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott Allein" (Markus 10,17f.)

 

Liebe Gemeinde,

der Fußball bringt Helden hervor, keine Frage. Der Ausruf "Toni, du bist ein Fußballgott" von Herbert Zimmermann 1954 bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz ist inzwischen legendär. Auch diese WM wird ihre Helden haben, strahlende, aber auch tragische Helden.

Helden. Das sind Sympathieträger, Vorbilder, sie wecken Erwartungen, rühren an Sehnsüchte von Menschen heran. Lukas Podolski und Basti Schweinsteiger sind jung, aber schon sehr erfolgreich. Sie sind noch unverbraucht und strahlen Unbekümmertheit aus, sie wecken Hoffnungen auf tolle Spiele und Erfolge. Sie haben das Zeug dazu, Helden zu werden.

Helden erreichen Dinge, die wir Normalsterblichen nicht erreichen. Wir fiebern mit ihnen, sie beflügeln unsere Gedanken und Gefühle, wir mögen sie. Helden sind zu unterscheiden von den Heroen, den absoluten Supermänner und -frauen, die Geschichte schreiben und über Jahrhunderte bekannt bleiben. Die sind meist unnahbar. Den Sporthelden kann man nahe kommen, zumindest theoretisch. Und nur um die Helden des Sportes geht es heute morgen. Es gibt ja auch andere Helden. Im Krieg opfert sich der Held für seine Kameraden auf. Im Alltag gibt es die unauffälligen, stillen Heldinnen und Helden, die sich gegen Unrecht zur Wehr setzen, oftmals unter Gefahr oder doch mit Benachteiligungen und zumeist ohne besondere Anerkennung. Aber heute Morgen rede ich nicht über diese Helden, sondern über die sogenannten "Fußballgötter". Man mag über Sinn und Unsinn dieses Begriffes streiten, aber jede und jeder weiß doch, was und wer gemeint ist: Toni Turek, Fritz Walther und Helmut Rahn waren es 1954; Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller 1974; Rudi Völler, Andi Brehme, Lothar Matthäus 1990. Dem Fußballfan sagen diese Namen etwas, wir erinnern uns gerne.

Die tragischen Helden sind uns dabei oftmals die liebsten. Weil sie so bei aller Leistung menschlich bleiben. Und wenn es ihn noch so geärgert hat, Jens Lehmann wurde mit der roten Karte im Champions-League-Finale zum tragischen Helden, daran wird man sich erinnern. Hätte er mit seinem Club gewonnen, wäre das in wenigen Jahren vergessen. Wer, außer eingefleischten Bayern-Fans kann den die Jahreszahlen der deutschen Meisterschaften auswendig herunterrasseln, die Olli Kahn mit dem FC Bayern gewonnen hat? Aber von den zwei entscheidenden Gegentoren kurz vor Abpfiff gegen Manchester United im Europapokalfinale redet man heute noch.

In diesem Gedanken kommt ein weiteres zu Tage, was zur Heldenverehrung gehört. Helden kommen und gehen, sie tauchen auf, die meisten verschinden wieder in der Versenkung und werden wieder vergessen. Nur wenige schaffen es, dauerhaft in Erinnerung zu bleiben.

Die Helden von heute... Sie ziehen zumeist Vorteile da heraus, sonnen sich in in der Verehrung und Bewunderung. Nicht alle, manche bleiben auch sehr bescheiden und zurückhaltend.

Was sagen wir nun als Christinnen und Christen zu Heldenverehrung?

Nun, in  gewisser Weise müssen wir da zunächst einmal sagen: wenn man so will, war auch Jesus zu seiner Zeit so etwas wie ein Held. Auch er wurde bewundert und verehrt, auch er war Vorbild für Menschen, sie suchten seine Nähe, er war ein Sympathieträger für viele, weckte Erwartungen.

Aber auf der anderen Seite wollte Jesus auf keinen Fall ein Held sein. Er verbot den Menschen, über seine Heilungen zu reden. Seine Wundertaten unterschieden sich in manchem deutlich von denen anderer Wundertäter (von denen es zur Zeit damals Dutzende gab). Jesus unterließ es z. B. im Gegensatz zu anderen Helden seiner Zeit, Wundertaten einfach nur so zum Spaß oder zur Unterhaltung zu veranstalten. "Schauwunder" nannte man das in der Antike. Jesus setzte seine Wunderkraft nur dazu ein, anderen zu helfen. Und er schadete auch niemandem mit seiner Kraft, andere nutzten ihre Fähigkeit auch schon mal zu Strafwundern. Und er hat die Heldenverehrung immer klar abgelehnt. Nicht ihn sollte man verehren, sondern Gott, seinen und unser aller Vater. Ziemlich schroff konnte er da Anhänger und andere (wie den reichen Jüngling) zurechtweisen , wenn sie ihn, Jesus, anhimmeln wollten und nicht den, für den er stand und auf den er unermüdlich hinwies. Und er zog auch keine Vorteile aus seiner Position, sonnte sich nicht im Glanz der Bewunderung.

Und in diesem Vergleich werden Chancen und Grenzen menschlicher Heldenverehrung deutlich.

Helden können schon Vorbilder sein, Menschen die mich anspornen und denen ich nacheifere.  Daran ist nichts falsches. Wichtig ist nur, dass ich mein eigenes Leben lebe und in der Heldenverehrung nicht mein Leben vernachlässige und quasi ein "Ersatz-Leben" führe, wie das manchmal so in der Bewunderung mancher Pop-Ikonen sichtbar wird. Denn dann ist der Ausspruch: "der ist für mich ein Fußball-Gott" mehr als nur eine augenzwinkernde Aussage über einen, der mit schönsten Nebensache der Welt die Menschen zu begeistern versteht. Wenn der bewunderte Held Mittelpunkt des Denkens und Handelns wird, wenn ich von ihm Heil und Halt und Orientierung für mein Leben erhoffe und erwarte, dann wird die Grenze überschritten.

Heldenverehrung, oder vielleicht sagen wir lieber: Heldenbewunderung, ist nichts schlechtes. Wir bewundern unsere Fähigkeiten auch im Kleinen, staunen über handwerkliches Geschick oder über die Begabung, ein Gedicht vorzutragen. Und manche haben eben die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten vor ganz großem Publikum vorzuführen. Warum das so ist? Ich weiß es nicht. Es ist halt so. Ich finde es auch schön. Ich fiebere auch mit beim Fußball. Warum auch nicht? Solange die Grenzen gewahrt bleiben, die Helden nicht als Ersatzgötter verehrt werden, mein Leben nicht vernachlässigt wird... Auch Spiel, Spaß und Sport gehören zu Gottes guten Gaben der Schöpfung, an denen wir uns gegenseitig erfreuen können und sollen. Und es gibt halt die, die dieses Spiel besonders gut beherrschen und die dafür bewundert werden.

In diesem Sinne wünsche ich allen Fußballfreundinnen und -freunden spannende vier Wochen und erinnere die anderen daran, dass es vorbei geht und es auch in der Zwischenzeit andere Dinge gibt, die Spaß machen können, obwohl sich das ein großer Teil der Weltbevölkerung derzeit kaum vorstellen kann...

 

Amen.